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Trägerverein

In Westfalen-Lippe wird die Regionalstelle der Landesfachstelle Trauma und Leben im Alter NRW von Wildwasser Bielefeld e.V. getragen.


Wildwasser Bielefeld e.V. ist eine Anlauf- und Beratungsstelle für Frauen ab 18 Jahren, die in ihrer Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt erleben mussten oder sich von dem Thema berührt fühlen. Der Verein ist 1991 aus einer Selbsthilfegruppe heraus entstanden und hat seitdem fortwährend bedarfsorientiert Angebote entwickelt und umgesetzt.
Wildwasser symbolisiert die Lebendigkeit und Lebenskraft, mit der Frauen sich trotz der erlebten Gewalt ihren eigenen Weg bahnen. Wildwasser bleibt in Bewegung und will in Bewegung bringen.

Der Verein: Zusammenfinden, Stärke entwickeln

Wildwasser Bielefeld e.V. wurde im Jahr 1991 aus einer Selbsthilfegruppe heraus gegründet. Bundesweit traten damals Frauen mit dem Grundsatz „Das Persönliche ist politisch!“ an die Öffentlichkeit und thematisierten sexualisierte Gewalterfahrungen in der Kindheit und Jugend. In Bielefeld startete der Verein zunächst mit der Möglichkeit einer telefonischen Beratung. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Unterstützungsangebote für Betroffene, Angehörige und Professionelle hinzu. Seit 1991 ist der Verein in das Vereinsregister der Stadt Bielefeld (VR 2791) eingetragen und als mildtätig und gemeinnützig im Sinne der §§ 51 ff. AO anerkannt. Im Jahr 2005 hat sich Wildwasser Bielefeld e.V. dem Wohlfahrtsverband „Der Paritätische“ angeschlossen.

Unsere Arbeit und unser professionelles Selbstverständnis gründet auf einigen wesentlichen Prinzipien:

Freiwilligkeit heißt, dass die Inanspruchnahme der Angebote von Wildwasser Bielefeld auf der eigenen Entscheidung und Motivation basiert. Wir verstehen die Frauen als Auftraggeberinnen und wir unternehmen nichts, was nicht mit ihnen abgesprochen ist. Dies bedeutet auch, dass Auskünfte an Dritte oder an Institutionen nur mit dem Einverständnis der jeweiligen Frauen weitergegeben werden. Zudem können unsere Angebote auch ohne die Angabe persönlicher Daten genutzt werden.

Ganzheitlichkeit beinhaltet für uns, die Frauen mit all ihren Kompetenzen, Bedürfnissen, Erfahrungen und auch Widersprüchlichkeiten wahrzunehmen und anzuerkennen. Sexualisierte Gewalt wird als ein Teil der Lebensgeschichte gesehen, neben anderen Aspekten und Erfahrungen in der individuellen Biographie. (Problematische) Verhaltensweisen werden im Kontext ihrer Geschichte, Beziehungsstrukturen und Bedingungen betrachtet. Die Folgen sexualisierter Gewalt werden von uns als Überlebensstrategien und Lösungsversuche verstanden, die in der Vergangenheit evtl. durchaus sinnvoll und hilfreich waren.

Unter Alltagsorientierung verstehen wir, dass die Unterstützungsangebote soweit wie möglich an den konkreten Lebenssituationen der Frauen ausgerichtet sind, mit dem Ziel individuelle und soziale Handlungskompetenzen zu vermitteln, die konkret in den Alltag umgesetzt werden können.

Ressourcenorientierung ist eine Grundhaltung, die sich an den Stärken, Kompetenzen und Fähigkeiten orientiert. Prämisse ist hierbei, dass jeder Mensch über Ressourcen verfügt, diese aber nicht immer abrufbar bzw. einsetzbar sind und somit aktuell nicht zur Zielerreichung oder Lösung genutzt werden können. Ziel ist das Erinnern und Reaktivieren von Ressourcen, um Entwicklung, Lösung oder Veränderung zu ermöglichen.

Eigenverantwortlichkeit bedeutet für uns, die Frauen als Expert*innen in eigener Sache zu sehen und uns Mitarbeiterinnen als Expert*innen für die Ingangsetzung hilfreicher Prozesse, mit dem Ziel, die Zahl der (Handlungs-) Möglichkeiten zu erweitern.

Das heißt konkret, durch unsere Angebote Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Oder, wie ein chinesisches Sprichwort es passend beschreibt:
„Fang ich dir einen Fisch, wirst du einen Tag satt sein. Lehre ich dich das Fischen, wirst du immer satt sein.“

Projekte zum Thema Trauma und Alter in der Wildwasserarbeit

Seit dem Jahr 2005 thematisiert Wildwasser Bielefeld e.V. in unterschiedlichen Projekten die Situation älterer und alter Frauen mit zurückliegenden Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Kindheit und Jugend.

Von 2008 bis 2011 wurde mit Hilfe einer Finanzierung durch Aktion Mensch das Angebot „VIVA 60+“ initiiert und durchgeführt. Das Projekt richtete sich an Betroffene, (pflegende) Angehörige und Multiplikator*

nnen und beinhaltete Einzelberatung (einmalig und fortlaufend), Supervision, Informationsveranstaltungen und Fortbildungen.
Im Anschluss an das Angebot fanden mehrere kürzere abgeschlossene Projekte statt –finanziert durch das Land NRW, Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter (MGEPA).

Von September 2013 bis August 2016 war Wildwasser Bielefeld e.V. Teil des landesweiten Verbundprojektes „Alter und Trauma – Unerhörtem Raum geben“. Die Arbeit im Verbund von vier Einrichtungen zielte darauf ab, die Thematik „Alte Menschen und Traumata“ möglichst vielschichtig und differenziert zu bearbeiten. Dabei wurden unterschiedliche Formen von Gewalterfahrungen einbezogen (z.B. Kriegsgewalt, „häusliche Gewalt“, Gewalt in Abhängigkeitsverhältnissen). Ebenso wurde die Geschlechtsspezifik des Themas berücksichtigt, insbesondere bei Erfahrungen sexualisierter Gewalt. Zudem wurde direkt mit traumatisierten Menschen und mit Multiplikator*innen gearbeitet. Eine wissenschaftliche Begleitung und die Evaluation spezifischer Einzelmaßnahmen wurde über das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. gewährleistet und über das MGEPA finanziert. Ausführliche Informationen zum Projekt und zu dem Thema „Alter und Trauma“ finden sich auf der Informationsplattform: www.alterundtrauma.de.

Die Erfahrungen aus dem Projekt wiesen darauf hin, dass ein Großteil der etablierten Beratungs- und Unterstützungsangebote in NRW noch keine spezifischen Konzepte für alte Menschen entwickelt hat. Gleichzeitig formulieren Unterstützungsangebote und Organisationen große Nachfrage und Bedarf. Darüber hinaus wurde auch deutlich, dass es ein großes Interesse an aufsuchender Beratung von betroffenen Frauen, Gruppenangeboten sowie an Fortbildungen für Mitarbeiter*innen im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens gibt. Auch Einrichtungen, die nicht originär bzw. ausschließlich im Bereich der Altenhilfe tätig sind, wie bspw. Hospize, allgemeine Krankenhäuser und Fachkliniken, Kirchengemeinden und Ehrenamtsverbände formulierten einen konkreten Bedarf nach Information, Schulung und Unterstützung im Umgang mit dem Thema. 
Eine weitere wesentliche Erkenntnis ist, dass es immensen Bedarf an Schulungen und Beratungskonzepten für die Arbeit mit älteren Menschen unterschiedlicher Gruppen gibt. Beispielsweise Frauen mit traumatischen Erfahrungen jenseits von sexualisierter Gewalt, für ältere Männer, für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender oder queer Lebende oder für Migrant*innen und Geflüchtete.

Angebote für Beratung, Schulung und Fortbildung

Mit dem Alter rückt die Vergangenheit näher und zurückliegende Erinnerungen an belastende Erlebnisse können in der Lebensphase Alter wieder aufbrechen. Für heute alte Frauen besteht ein erhöhtes Risiko, in ihrem Leben sexualisierte Gewalt erfahren zu haben. Denn neben Missbrauch im familiären und sozialen Nahraum können sie Opfer von sexualisierter Kriegsgewalt im Kontext des Zweiten Weltkrieges geworden sein. Im Alter kann es durch gravierende Einschnitte – wie etwa eine veränderte Wohnsituation, den Verlust des Partners oder Pflegebedürftigkeit – zu einem Erinnern der damaligen Gefühle und somit zu einem Wiedererleben des Traumas kommen.

Wildwasser Bielefeld e.V. bietet Beratung, Schulungen und Fortbildungen zum Themenkomplex Trauma und (sexualisierte) Gewalt mit unterschiedlichen Schwerpunkten an.

Dank der Förderung durch die Caritasstiftung Deutschland kann aufsuchende Beratung für ältere und hochbetagte Frauen angeboten werden, die nicht in die Beratungsstelle kommen können. Eine Mitarbeiterin des Teams besucht sie Zuhause bzw. in Wohnheim oder Pflegeeinrichtung.
Schulung und Fortbildung von Unterstützer*innen und Einrichtungen sowie Ausbildungsstätten der Altenpflege haben große Bedeutung für die Sensibilisierung für das Thema. 
Die Auswirkungen von Trauma-Reaktivierung können sich in der Arbeit mit alten Menschen in ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen äußern und professionell Pflegende oder pflegende Angehörige vor große Herausforderungen stellen.
In Veranstaltungen zu diesem Thema wird über sexualisierte (Kriegs-) Gewalt, mögliche Folgen und Retraumatisierungen/Trauma-Reaktivierungen in der Lebensphase Alter informiert und diskutiert. Anhand von praktischen Beispielen aus der alltäglichen Arbeit kann gemeinsam an einer professionellen Handlungssicherheit im Umgang mit betroffenen Frauen gearbeitet werden.

Bitte besuchen Sie für weitere Informationen die Website von Wildwasser Bielefeld e.V.