A- A A+
Slider

Hintergrund

Tränen
Getropft
In die Lebensschale
Nicht nur
Verlorene Zeit
Eine Restzeit
Verbleibt
Ruth-Irmgard Christiansen Frettlöh

Im Jahr 2014 waren in Nordrhein-Westfalen mehr als 3,6 Millionen Menschen 65 Jahre und älter. Im Zuge des demographischen Wandels wird die Zahl alter Menschen weiter steigen und demzufolge auch der Bedarf der heute alten Menschen nach einer traumasensiblen und würdevollen Unterstützung.

Dabei steht auch die Prävention vor neuen/weiteren Traumatisierungen im Fokus.

Trauma – was ist das eigentlich?

Mittlerweile gibt es viele verschiedene Definitionen von Trauma. Eine, die häufig in der Fachliteratur zitiert wird, stammt von Fischer und Riedesser: „Ein Trauma ist ein Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ (Fischer, Gottfried; Riedesser, Peter (2009): Lehrbuch der Psychotraumtologie, UTB, Stuttgart, S. 79.)

Für die medizinische Einordnung von Symptomen und Beschwerden körperlicher wie seelischer Art sind die Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV weltweit von entscheidender Bedeutung. Der Begriff Trauma wird hierin nach Einschätzung der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) vergleichsweise eng definiert, indem die Erlebnisse dadurch gekennzeichnet sein müssten, dass sie: „[…] objektiv »mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß« (ICD-10) einhergehen oder »die tatsächlichen oder drohenden Tod, tatsächliche oder drohende ernsthafte Körperverletzung oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit von einem selbst oder Anderen« (DSM-IV) einschließt, sowie subjektiv »bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde« (ICD-10) beziehungsweise mit »starker Angst, Hilflosigkeit oder Grauen« erlebt wurde“. (Website DeGPT ⇒ ).
Unterschieden werden Ereignisse auch danach, ob sie durch Naturkatastrophen verursacht wurden oder durch „interpersonell[e] Gewalt (man-made disaster)“ (Sack, Martin; Sachsse, Ulrich; Schellong, Julia (2013): Komplexe Traumafolgestörungen. Diagnostik und Behandlung von Folgen schwerer Gewalt und Vernachlässigung, Schattauer, Stuttgart, S. 45).  genannt: Kampfeinsatz, schwerer Unfall, Beobachtung des gewaltsamen Todes Anderer oder Opfersein von Folter, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderen Verbrechen.

In diesem Sinn können beispielsweise folgende Ereignisse ein Trauma sein:

  • Kriegs- bzw. Kampfeinsatz
  • Schwerer Unfall
  • Beobachtung des gewaltsamen Todes anderer
  • Folter
  • Sexualisierte oder häusliche Gewalt (in der Vergangenheit und/oder aktuell)
  • Gewalt in Behinderten-, kirchlichen und anderen (Erziehungs-) Einrichtungen
  • fehlende Bindungen in der Kindheit, psychische Gewalt, Vernachlässigung, Verluste
  • Kriegserlebnisse (aktuell und/oder im Kontext des Zweiten Weltkrieges, wie z.B. Flucht, Vertreibung, erzwungene Migration, Hungersnot, Bombardierungen, Vergewaltigungen)
  • Verfolgung und Diskriminierung aufgrund von z. B. Herkunft, Glaube, sexueller Identität undOrientierung oder psychischen und/oder physischen Beeinträchtigungen
  • Traumatische Erfahrungen im Berufs- und/oder Alltagsleben
  • Diagnose lebensbedrohlicher Erkrankungen

Darüber hinaus berichten viele Traumatherapeut*innen aus ihrer praktischen Erfahrung, dass Symptome auch dann entstehen können, wenn ein Ereignis nicht als lebensbedrohlich empfunden wurde. So können Operationen und Narkosen für die Betroffenen ebenso traumatisch sein wie Stürze, Trennungen, auch selbst gewollte Schwangerschaftsabbrüche, ärztliche Untersuchungen, zahnärztliche Behandlungen, Mobbing, Demütigungen, sogar leichte Auffahrunfälle, die Bezeugung von Gewalt oder Unfällen. (Charf, Dami; Duvenbeck, Luisa (ohne Jahr): Trauma verstehen – Eine Einführung in Therapie und Theorie. eBook)

Im Blick sollte hierbei stets bleiben, dass Menschen auch im Alter von den gleichen traumatischen Ereignissen betroffen sein können wie in jungen Jahren. Dies gilt insbesondere für sexualisierte Gewalt. Und: Je älter ein Mensch ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, mindestens ein traumatisches Ereignis erlebt zu haben.
Zudem sind für den Lebensabschnitt mögliche spezifische Bedingungen zu beachten. So stellt Gewalt im Pflegekontext eine spezifische Form traumatischer Gewalt-Erfahrungen dar.
Hinzu können weitere belastende Ereignisse kommen. Diese können beispielsweise sein: Pflegebedürftigkeit und Mobilitätseinschränkungen; chronische, physische, psychische und neurologische Erkrankungen; Amputationen und medizinische Eingriffe; Demenzerkrankungen (eigene oder von Angehörigen). Auch der Verlust und das Weniger-werden der eigenen Kraft und Wehrhaftigkeit können als existenzieller Einschnitt erlebt werden.
Im Jahr 2014 waren in Nordrhein-Westfalen mehr als 3,6 Millionen Menschen 65 Jahre und älter. Im Zuge des demographischen Wandels wird die Zahl alter Menschen weiter steigen und demzufolge auch der Bedarf der heute alten Menschen nach einer traumasensiblen und würdevollen Unterstützung. Diese Unterstützung verstehen wir auch als Prävention vor neuen / weiteren Traumatisierungen.

Traumafolgen

„Manche Menschen bezeichnen den Weg der Verarbeitung von traumatischen Verletzungen als Wachstumsprozess. Sie beschreiben, dass sie über eine erweiterte Beziehungskompetenz verfügen und sich neue Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten erschlossen haben. Andere empfinden das Leben reichhaltiger, denn sie haben erfahren, dass es einmalig ist und längst nicht immer kontrolliert werden kann. Auch Fachkräfte können in der Arbeit mit traumatisierten Menschen durchaus wachsen, denn diese Arbeit kann sehr erfüllend und persönlichkeitsbildend sein. Sie kann das Engagement für Gesellschaft und Umwelt sehr fördern und die Sensibilität für die Kostbarkeit des Lebens in seiner Vielfalt vertiefen.“ (Maria Zemp, www.beratung-mariazemp.de ⇒)

Wie stark und dauerhaft Folgen von traumatischen Ereignissen sind, ob es überhaupt zu Folgen kommt, hängt nicht nur von der Schwere der traumatischen Erlebnisse und von der Persönlichkeit der Überlebenden ab, sondern ganz wesentlich auch von den Erfahrungen, die die/der Betroffene danach macht. Fortdauernde Unsicherheit, Abhängigkeiten, Gefährdung und Armut sowie insbesondere im Falle von sexualisierter Gewalt auch Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung können die traumatische Folgereaktionen verstärken.
Traumatisierende Erlebnisse können Spuren in der Psyche eines Menschen hinterlassen. Dies ist kein Zeichen von individueller Schwäche.
Wie gut ein Trauma verkraftet und verarbeitet werden kann, hängt von vielen Faktoren ab. Hier spielen die individuelle Lebensgeschichte sowie das persönliche Befinden zum Zeitpunkt des traumatischen Geschehens ebenso eine Rolle wie bestehende Umgebungsfaktoren, Risiko- und Schutzfaktoren, aber auch die Schwere und Dauer der Traumatisierung. Glücklicherweise legen sich posttraumatische Beschwerden meist nach einer Weile. Die eigenen Selbstheilungskräfte lassen die sogenannte akute Belastungsreaktion abklingen und die Betroffenen können das Erlebte zurücklassen, ohne dass es sie im weiteren Leben bedeutend beeinträchtigt. Wirken jedoch mehrere belastende Faktoren zusammen, können sich posttraumatischen Reaktionen chronifizieren, obwohl das traumatische Ereignis bereits Wochen oder Monate, zum Teil auch Jahre zurückliegt. Medizinisch spricht man dann von komplexer Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS).  (Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie DeGPT unter: www.degpt.del ⇒)

Mögliche Traumafolgen können sein:
Übererregbarkeit, Apathie, Erinnerungsbilder (flashbacks), Alpträume, plötzlichen Gedächtnis-, Konzentrations- und Orientierungsstörungen, Angst- und Panikzustände, Dissoziationen (Abspaltung von Gefühlen und dem Denken), Schlafstörungen, Suizidgedanken, Halluzinationen, Zwänge, Essstörungen, Chronischen Schmerzen, unregelmäßigen Vitalzeichen, Blutzuckerschwankungen, …
Die Reaktivierung lange zurückliegender Traumatisierungen steht häufig in Zusammenhang mit Umbrüchen und Veränderungen, beispielsweise der Berentung, dem Tod von Partner*in, Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Veränderung des Erinnerungsvermögens.
Durch aktuelle Erfahrungen von Ohnmacht, Autonomie- oder Kontrollverlust – wie zum Beispiel bei einer Pflege- oder Hilfebedürftigkeit oder bei Immobilität – kann es zu Erinnerungen an die früher erlebten Traumata kommen; hier spricht man von Trauma-Reaktivierung. Ebenso können Geräusche, Bilder oder Gerüche Erinnerungen auslösen. Hier spricht man von Triggern (Auslösern): Durch einen auslösenden Reiz wird die zurückliegende Situation in der Gegenwart erlebt. Auch hier kann es zu den oben beschriebenen möglichen Traumafolgen kommen.

 

Umgang mit Traumafolgen

Traumafolgen werden teilweise nicht als solche erkannt und/oder anderen Erkrankungen zugeordnet. Entsprechend werden oftmals ausschließlich die Symptome behandelt, ohne das Erleben und Verhalten in einen lebensgeschichtlichen Kontext zu setzen. Die Vermittlung von Basiswissen zum Thema Trauma ist in vielen Berufsfeldern nicht im Ausbildungs-Curriculum verankert, sodass Hintergrundwissen und Handlungssicherheit oftmals fehlen. So kann es dazu kommen, dass bei alten Menschen Traumafolgen sogenannten Alterserkrankungen zugeordnet werden, beispielsweise Demenz, HOPS (Hirnorganisches Psychosyndrom), ‚Altersverwirrtheit‘ oder ‚Altersdepression‘. Problematisch ist auch, wenn aktuelles Erleben, beispielsweise sexualisierter Gewalt, als Symptom einer Alterserkrankung gewertet wird, zum Beispiel als Ausdruck von Verwirrtheit oder Wahnhaftigkeit.

Die Folge hiervon können falsche Behandlungsmaßnahmen und Stigmatisierungen sein, die die Ursachen – auch aktueller – traumatischer Erlebnisse nicht einbeziehen. So erhalten die alten Menschen in ihrem Erleben und in aktuellen Gewaltsituationen nicht die Unterstützung, die sie benötigen.

Bewältigungsstrategien

Die Erinnerung an vergangene traumatischen Ereignisse konnte vielleicht jahre- oder jahrzehntelang mehr oder weniger erfolgreich verdrängt werden, durch z. B. viel Arbeiten, das Versorgen von Kindern und/oder anderen Angehörigen, aber auch durch Sport und anderen Aktivitäten oder sogar durch Suchtmittelmissbrauch. Auf diese Möglichkeiten der Bewältigung / Verdrängung von Gefühlen und der Erinnerung an die Ereignisse können (oder wollen) viele Frauen und Männer in der Situation des Älterwerdens, der Berentung, einer potentiellen oder tatsächlichen Pflegebedürftigkeit und eines zunehmenden Unterstützungsbedarfs häufig nicht mehr zurückgreifen. Im Alter haben die Menschen mehr Zeit als bisher und nehmen dadurch unbewältigte Erlebnisse eher wahr. Es kann auch ein gefühlter Druck entstehen, sich noch „unerledigte Aufgaben“ stellen zu müssen. Zudem lässt im Alter das Kurzzeitgedächtnis nach und im Langzeitgedächtnis gespeicherte (traumatische) Erinnerungen können so wieder präsenter werden.